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Interview mit Stefan Jäger

Frage: Haben Sie bestimmte Hoffnungen oder Ängste mit Ihrem eigenen 30. Geburtstag verknüpft? Stefan Jäger: Ich hatte nie Angst davor, 30 zu werden, auch keine besonderen Hoffnungen oder ...

Interview mit Stefan Jäger


Frage: Haben Sie bestimmte Hoffnungen oder Ängste mit Ihrem eigenen 30. Geburtstag verknüpft?

Stefan Jäger: Ich hatte nie Angst davor, 30 zu werden, auch keine besonderen Hoffnungen oder Erwartungen - irgendwie ist die "30" nur eine Zahl, die man angehängt bekommt. Neue Schritte macht man jeden Tag, jedes Jahr kann eine Schwelle sein. Doch ich hatte Lust, an und zu meinem 30. Geburtstag einen Film zu drehen. Also habe ich einen Brief an meine Freunde geschickt, mit denen ich bereits gearbeitet hatte, und habe die vier Schauspieler angerufen. Mein Geburtstagwunsch: Dass wir gemeinsam einen Film drehen.

Frage: War das visuelle Konzept bereits Bestandteil der Planung von Anbeginn an? Welche Überlegungen haben Sie mit diesem Konzept verfolgt?

Stefan Jäger: Schon sehr früh war mir klar, dass ich birthday klar strukturieren musste, um der geplanten Improvisation gerecht zu werden. Je mehr Improvisation, desto stärker muss in meinen Augen das Konzept sein, auch das visuelle Konzept: Das Bild gibt keine Richtung vor, einzig die Schauspieler "führen". D. h. dass der Kameramann den Schauspielern folgt und ihnen in der Ausleuchtung der Räume die Freiheit lässt, in jedem Winkel agieren zu dürfen. Er übernimmt dabei den Rhythmus der Schauspieler.

Frage: Die Kamera bleibt immer ganz nah an den Akteuren. Was bedeutete das für die Schauspieler?

Stefan Jäger: Es war spannend zu merken, dass die Schauspieler Stefan Runge, den Kameramann, immer mehr vergessen haben. Normalerweise warten die Schauspieler am Set am längsten, bei uns war es genau umgekehrt. Wenn die Kamera lief, gab es kein Zurück. Ich habe spielen lassen und beobachtet, im Kleinen gesteuert und mich immer wieder überraschen lassen. Natürlich muss man seine Geschichte kennen. Immer wieder zurückzuführen in die Geschichte, das ist in einem solchen Falle die Aufgabe des Regisseurs.

Gedreht wurde jeder einzelne Geburtstag in Plansequenzen, also ohne Unterbrechung und nicht im klassischen Sinne aufgelöst. Für mich hieß das auch, dass ich laufend unter Tischen und Stühlen herumgekrochen bin, um den Schauspielern Dinge zuzuflüstern, ihnen Richtungen zu geben und zu schauen, dass es keinen Moment des Stillstands gibt. Alle Dialoge waren improvisiert, auch wenn die Themen oftmals vorgegeben waren. Für mich persönlich eine der schönsten Regieerfahrungen: Man lernt, sich absolut und total auf seinen Bauch zu verlassen. Es ist spannend, loszulassen und dem zu vertrauen, was Schauspieler so wunderbar können: Geschichten erzählen und eintauchen in eine Welt, die fiktiv ist, dabei echt sein und Gefühle zeigen.

Frage: Glauben Sie, dass in dieser Form eines dokumentarischen Realismus die Zukunft des Kinos liegen könnte?

Stefan Jäger: Ich glaube, dass sich die Zuschauer wieder für Geschichten interessieren, die von Menschen aus Fleisch und Blut handeln. Die erzählen, was mir selber passieren könnte, und die beschreiben, wie wir fühlen. Nicht die Konstruktion steht im Vordergrund, sondern die Kraft, mit der wir unser Handwerk ausüben dürfen. Eine Vision, die wir sogar über die Form stellen, nie aber über den Inhalt. Das ist meine Hoffnung, und ich spüre, dass wir damit auch etwas erreichen können, was im Kino lange nicht mehr zu sehen war: Geschichten, die uns wirklich berühren und nicht bloß, weil wir manipuliert werden, sondern weil wir uns selber darin entdecken. Es gibt großartige Schauspieler - ich hatte das Glück, mit solchen arbeiten zu dürfen -, die uns dabei helfen können, diese Wahrheit zu finden, diese ursprüngliche Art, Filme zu machen.

Frage: Für diese Art des Filmemachens konnte es kein Drehbuch geben. Was war die Grundlage?.

Stefan Jäger: Die jetzige Geschichte ist im wesentlichen auch von den Schauspielern geprägt. Ursprünglich gab es 3 Seiten Exposé - eine ganz grobe Skizze. Mit jedem Schauspieler hatte ich zwei bis vier Tage Vorbereitungszeit, in der wir die Biographien entwickelt haben. Danach gab es ein Treatment, in dem einige Handlungspunkte festgelegt waren, obwohl ich immer gesagt habe, dass wir alles über den Haufen werfen müssen, wenn wir merken, dass wir in einer Sackgasse sind. Dann gab es "Geheimnisse" - Dinge, die nicht alle wussten. Das waren "kleine Bomben", die ich während des Drehs explodieren lassen durfte, wenn man es am wenigsten erwartet hat: So z. B., wenn Claudio erfährt, dass er eine "Wette" war.

Frage: Wie haben sich die Schauspieler auf ihre Rolle vorbereitet?

Stefan Jäger: Die Arbeit mit den Schauspielern war sehr intensiv, großartig für mich als Regisseur und sehr abenteuerlich für die Schauspieler. Ich hatte das Glück, Harald, Tamara und Claudio bereits vor den Dreharbeiten zu kennen. Mit Harald hatte ich mehrere Kurzfilme realisiert. Claudio und Tamara hatte ich immer wieder getroffen, und wir waren auch schon freundschaftlich verbunden. Mit Bibiana habe ich am Casting für einen anderen Film zusammengearbeitet, und das hat großen Spaß gemacht. Ausprobieren zu dürfen, was geschieht, wenn wir die vier zusammenbringen das war das Abenteuer, denn die vier kannten sich nicht.

Frage: Trotzdem hat man den Eindruck, dass ein großes gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist.

Stefan Jäger: Das Vertrauen entstand letztendlich durch die Arbeit. Alle Schauspieler haben im Film den gleichen Vornamen wie im richtigen Leben. Von Anfang an hatten wir die Idee, die Biographien der Figuren und der realen Menschen zu mischen. Wir wollten aber, dass kein Zuschauer wirklich weiß, wo die Grenzen liegen. Die Figuren sollen authentisch wirken, und so lassen wir offen, wo die Figur anfängt und wo der reale Mensch. Die Vermischung von fiktiver Biographie und wirklichem Hintergrund hat öfters dazu geführt, dass sich Szenen in eine unerwartete Richtung entwickelt haben. Spannend war es, in diesem Momenten zu schauen, wohin die Entwicklung geht. Je besser sich die vier kannten, desto offener wurde das Spiel.

Am schönsten waren die Zufälle, die uns immer wieder überraschten. So z. B., als Haralds Freund am 1. Geburtstag ein zweites Mal auftaucht. Mein Regieassistent hatte mir eine "Lichtklingel" gebaut, mit der ich ihm Zeichen in den Regieraum geben konnte. Einmal "klingeln" hieß: Haralds Freund Bernd soll kommen. Als wir plötzlich ein technisches Problem hatten - ein Mikrofon war ausgefallen - wollte ich meinem Regieassistenten via "Lichtklingel" ein Zeichen geben und habe mehrmals auf den Knopf gedrückt. Mein Assistent dachte: Bernd soll ein zweites Mal kommen. Perfektes Chaos was dann passiert ist, kann man nicht erzählen, der Film zeigt es am schönsten.

Frage: In birthday wird immer nur so viel verraten, dass der Zuschauer sich zurechtfindet. Glauben Sie, dass im Film oder im Fernsehen zu viel erklärt wird?

Stefan Jäger: Es wäre spannender, dem Zuschauer mehr zuzutrauen. Das versuche ich auch immer wieder, hierzu hat man im Kino natürlich ein besseres Forum - der Zuschauer kann nicht zum Kühlschrank fliehen und ist eher bereit, sich auf eine Welt einzulassen, die ihm nicht von Anfang an vertraut ist. Bestimmt ist auch der Fernsehzuschauer clever genug, eine komplexe Geschichte zu genießen oder eine Geschichte, die mit Andeutungen spielt. Vielleicht sind es die Fernsehverantwortlichen, die dem Zuschauer nicht mehr zutrauen wollen. Vielleicht folgen sie einer Meinung, von der sie glauben, dass sie allgemeingültig ist. Doch das Schöne dabei ist ja, dass wirklich niemand in diesem Business weiß, was denn nun erfolgreich ist.

Frage: Welche Erfahrungen gab es bisher mit den Reaktionen des Publikums?

Stefan Jäger: Erstaunlicherweise kamen viele Zuschauer zu uns und haben angemerkt, wie nah man an die vier Schauspieler in diesem Film herankomme, wie tief man emotional hereingezogen werde. Gleichzeitig erfahre man doch relativ wenig über die Hintergründe dieser Figuren. Doch keiner der Zuschauer vermisste diese Informationen. Im Gegenteil - vielleicht vermitteln die nebensächlich erzählten Details einen tieferen Eindruck. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir uns selber in "birthday" wiederentdecken.

Frage: Ein Teil der Spannung des Films rührt daher, dass man immer hofft, Bibi überlebt. Hatten Sie sich von Anfang an entschieden, mit dem letzten Geburtstag, Bibis, zu beginnen?

Stefan Jäger: Nachdem wir den zweiten Geburtstag gedreht hatten - die vier Feiern wurden chronologisch gedreht - wusste ich, dass ich Bibianas Geburtstag an den Anfang stellen wollte. Ich fand es spannend, das lineare Konzept zu durchbrechen und den Zuschauer nach den ersten Minuten mit vielen offenen Fragen zurückzulassen, die er in die folgenden Geburtstagspartys mitnimmt. Ich möchte ja auch nicht verraten, ob Bibiana überlebt oder nicht.

Frage: Steht vielleicht die Motivation für Sie, diesen Film zu machen, auch im Zusammenhang mit Bibianas Selbstmordabsichten und Haralds Schwierigkeiten damit?

Stefan Jäger: Hier gibt es einen ganz direkten Bezug: Als ich mich einmal länger mit Harald unterhalten habe, erinnerten wir uns beide an eine Begegnung, die schon Jahre zurücklag. Ich hatte Harald zur Vorbereitung eines Kurzfilms, den ich 1992 realisierte, mit Philipp zusammengebracht. Philipp war ein drogenabhängiger Jugendlicher, den ich während fünf Jahren begleitet hatte, um mit ihm zwei Dokumentarfilme zu realisieren. Philipp starb mit 24 an einer Überdosis Heroin, nachdem er vorher dreimal versucht hatte, sich auf diese Weise das Leben zu nehmen. Was uns verband, war eine Freundschaft, die auch davon lebte, dass ich seine Sucht immer akzeptiert habe und nie versuchte, ihn davon abzuhalten. Anfangs schien mir dieser Schritt unverantwortlich, als ich aber immer wieder darüber nachdachte, spürte ich, wie sehr Philipp in seinem Leben gefangen gewesen war, und dass er für sich nur diesen endgültigen Schritt wählen konnte.

Bibiana steht für mich ein Stück weit für Philipp. Sie will sterben, weil sie für sich persönlich diesen Weg gewählt hat. Das ist vielleicht schwer zu verstehen, doch hat jeder Mensch seinen ganz eigenen Weg. Vielleicht ist dieser Weg vom Schicksal beeinflusst, aber vielleicht beeinflusst dieser Weg auch das Schicksal jedes Einzelnen.

Frage: birthday hätte auch ein zynischer Film werden können. Sind Sie Optimist?

Stefan Jäger: birthday endet für mich hoffnungsvoll und nur darum konnte und wollte ich diesen Film erzählen. Es gibt nichts Großartigeres als das Leben selber und es zu vergeuden hieße, sich dessen nicht bewusst zu sein. Die Dreharbeiten zu birthday haben zuviel Spaß gemacht, als dass der Film hätte zynisch werden können. Auch jetzt noch, ein Jahr nach den Dreharbeiten, denke ich immer wieder voller Bewunderung zurück an diese einzigartigen und spannenden Momente, an diese Wucht von Emotion, an diese Originalität, die Schauspieler haben und welche sie mir geschenkt haben. Eigentlich das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe. Ich bin ein optimistischer Mensch, deshalb steht für mich am Schluss von birthday auch das neue Leben.

Frage: Dann können wir zu Ihrem 40. Geburtstag vielleicht eine "Fortsetzung" erwarten?

Stefan Jäger: Die Idee gibt es tatsächlich - aber nicht so sehr, um "fortzusetzen", sondern um noch einmal zusammenzukommen und etwas auszuprobieren, das für uns alle wieder neu und ungewöhnlich sein wird: Eine ganz andere Geschichte, vielleicht mit den gleichen Charakteren. Oder vielleicht eine Geschichte über vier Schauspieler, die in einem Film mitgespielt haben, in dem sie 30 wurden und die nun zehn Jahre später tatsächlich zusammen feiern - nicht als Schauspieler, sondern als "Menschen". (DJFL)


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