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Interview mit Ulrich Tukur: Der Stellvertreter

Ulrich Tukur spielt den Kurt Gerstein in dem Film Der Stellvertreter Frage: Waren Sie vor diesem Projekt bereits mit der Geschichte Kurt Gersteins vertraut? Ulrich Tukur: Ich erinnere, Hochhuths ...

Geboren am 29.7.1957 im westfälischen Viernheim, studierte er nach dem Abitur in Boston und Tübingen Germanistik, Anglistik und Geschichte. Parallel jobbte er als Pianist, Akkordeonspieler und Knödeltenor. Von 1980-83 büffelte er weiter an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in ... [komplette Biografie]

Interview mit Ulrich Tukur


Ulrich Tukur spielt den Kurt Gerstein in dem Film Der Stellvertreter

Frage: Waren Sie vor diesem Projekt bereits mit der Geschichte Kurt Gersteins vertraut?

Ulrich Tukur: Ich erinnere, Hochhuths Drama in meiner Schulzeit gelesen zu haben, doch das war zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung, und der skandalöse Effekt des Stückes hatte sich verloren. Zudem waren wir nicht sonderlich interessiert an den Aktivitäten der katholischen Kirche - oder besser gesagt: Inaktivitäten. So setzte sich Kurt Gersteins Widerstand nicht in meinem Bewusstsein fest, weil es genug unerhörte Themen gab, mit denen wir in der Gegenwart zurecht kommen mussten.

Frage: Was haben Sie nach dem Lesen des Drehbuches und Sehen des Filmes gefühlt?

Ulrich Tukur: In Deutschland habe ich sicher ein Dutzend Filme über die Zeit des Nationalsozialismus gedreht, und als ich das Skript zu Der Stellvertreter erhielt, war meine erste Reaktion: Bitte nicht schon wieder! Auch weil ich immer dachte, dass die Vergangenheit des Landes nicht auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 reduziert werden darf, obwohl sie selbstverständlich den katastrophalen Höhepunkt von Ereignissen bieten, die schon zu Beginn des Jahrhunderts ihren Ursprung hatten.

Aber als ich das Drehbuch las, entdeckte ich die atemberaubende Geschichte eines aufrechten jungen Mannes, der in die Hölle blickt und hineingezogen wird. Die Figur hatte wenig mit meiner Erinnerung an das Theaterstück zu tun und faszinierte mich umgehend. Danach besorgte ich mir Sekundärliteratur und Pierre Joffroys poetische Gerstein-Biographie "Der Spion Gottes". Dabei entdeckte ich, dass ich als Student in Tübingen exakt in dem Haus gelebt hatte, in dem die Familie Gerstein in den Vierzigern lebte: Gartenstraße 24, nicht weit von dem Neckar. Spätestens von dort an war ich sicher, die Rolle spielen zu wollen und musste nur noch Costa-Gavras überzeugen. Sechs Monate später, nach dem Dreh in Rumänien und Italien, sah ich den Film in Paris. Natürlich war ich nervös, aber Costa schuf einen absolut absorbierenden Film, dessen Schnitt mit meinen Empfindungen und Erfahrungen beim Dreh korrespondierte. Denn ich hatte nicht nur das Gefühl, eine sehr ungewöhnliche Herangehensweise an die Historie des Holocaust gesehen zu haben, sondern wurde von dem Material förmlich für zwei Stunden an der Gurgel gepackt.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Costa-Gavras und Mathieu Kassovitz?

Ulrich Tukur: Ich traf Costa das erste Mal in einem Münchner Hotel und war ungefähr der 95. Kandidat für die Rolle. Viele Chancen rechnete ich mir nicht aus - zu der Zeit war ich etwas übergewichtig und trug einen albernen Schnurrbart à la Menjou. Doch wir hatten ein wunderbares persönliches und humorvolles Gespräch. Das Beste.

daran: Wir sprachen kaum über Kino-Angelegenheiten! Unsere Zusammenarbeit beim Drehen blieb auf dieser Linie. Ich habe in meiner gesamten Film- und TV-Karriere noch niemanden erlebt, der mit einer solchen Mischung aus Professionalismus und Leichtigkeit arbeitet wie Costa. Ich fühlte mich beschützt, respektiert und fand dadurch sofort die richtige Haltung vor der Kamera. Mathieu Kassovitz war wiederum der erste französische Schauspieler, mit dem ich gedreht habe. Wir waren alle sehr beeindruckt von seinem Regiedebüt "Hass", und wenn man bedenkt, wie wenig Schauspielerfahrung er besitzt, hat er hier unglaublich gute Arbeit geleistet. Nur über eine Sache haben wir uns ständig gestritten: Musik. Mathieu ist Hip-Hop-Fan, aber ich weiß, dass Swing die wahre Musik ist!

Frage: Wie würden Sie Ihre Figur in Der Stellvertreter beschreiben?

Ulrich Tukur: Es gibt mannigfaltige Meinungen zu Kurt Gerstein. Und je mehr man über ihn liest, desto evidenter wird, dass sich sein Schicksal und seine Aktivitäten während des Krieges einem klaren Urteil entziehen. Gerstein war eine der bizarrsten und unheimlichsten Figuren der deutschen Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Tyrannei. Als tief religiöser Mann und Mitglied der protestantischen Kirche wurde er zum Hygiene-Experten der Waffen-SS. In dieser Funktion lieferte er Zyklon-Gas in die Konzentrationslager des Ostens und begann zugleich damit, Sabotage auszuüben und die Öffentlichkeit über die Grausamkeiten zu informieren. Es war der einsame Kampf eines aufrechten und mutigen Mannes. Notwendigerweise verwickelte er sich in das Böse, das er bekämpfte, und musste am Ende realisieren, nichts erreicht zu haben. Für mich war Gerstein jemand, der Verantwortung übernahm, als sie von allen anderen gemieden wurde. Er verdient meinen vollen Respekt.

Frage: Wie gehen Sie als Deutscher an einen Charakter heran, der sich so paradox verhielt?

Ulrich Tukur: Wir sind nach dem Zweiten Weltkrieg durch verschiedene Phasen der Reflexion und Einschätzung des Desasters gegangen. Historische Fakten oder die Handlungen eines einzelnen Mannes verändern sich je nach Sichtweise. Persönlich bin ich sehr zufrieden, dass wir einen Punkt des Verständnisses erreicht haben, an dem es keine bindenden Wahrheiten über Männer wie Gerstein, Stauffenberg, Gründgens, Furtwängler oder andere gibt. Die Wahrheit ist lediglich die perfekte Ansammlung eines Mosaiks, von dem wir Stücke und Teilchen sehen - insbesondere, während die Historie voranschreitet. Gerstein ist letztlich so widersprüchlich, kompliziert, paradox und unlösbar wie das Leben. Er dient beiden als Gastgeber - dem Doktor und Riccardo. Aber aus dem schattenhaften Image wächst das Bild eines Mannes, der von tiefem Respekt für die Würde des Lebens bewegt wurde. Es war schwer, schmerzhaft und tief befriedigend, schauspielerisch eine Figur wie Gerstein zu gestalten.

Frage: Was glauben Sie, wie der Film in Deutschland ankommen wird?

Ulrich Tukur: Wenn ich das wüsste! Vielleicht unterschätzen wir die Müdigkeit meiner Landsleute, sich mit noch einem Film über Nazi-Deutschland auseinanderzusetzen. Aber Costa-Gavras Film ist anders, viel radikaler.

Frage: Wie haben Sie schauspielerisch Gersteins Gefühl der Impotenz innerhalb des Systems erschlossen?

Ulrich Tukur: Es war wichtig, einen Mann unter Dauerdruck zu zeigen. Der wusste, dass ihm die Zeit davonläuft und er gegen eine Mauer des Horrors und der Gleichgültigkeit anrennt. Ich spielte ihn als jemanden, der in einem Albtraum ohne Erwachen gefangen ist.

Frage: Was ist für Sie abschließend das Schlüsselthema des Filmes?

Ulrich Tukur: Der Stellvertreter ist eine Symphonie vieler Themen. Ich bevorzuge den Faust-Mephisto-Konflikt, der sich im Antagonismus zwischen Gerstein und dem Doktor finden lässt. Das Hauptthema des Filmes scheint mir jedoch typisch für die meisten Costa-Gavras-Filme zu sein - der Kampf des Einzelnen gegen die gewaltige Maschinerie der Politik. Die Strukturen komplexer Massengesellschaften entwickeln immer ein unseliges Eigenleben, das individuelle Rebellion gnadenlos zerstört. Aber der Kampf für menschliche Gerechtigkeit und Würde ist notwendig und essenziell - und wird gekämpft werden, so lange ein anständiges menschliches Wesen übrig ist. (DJFL)


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